"Menschen, die im Wesentlichen nicht-schöpferisch orientiert sind, empfinden das Geben als eine Verarmung. Die meisten Menschen dieses Typs weigern sich daher, etwas herzugeben. Manche machen aus dem Geben eine Tugend im Sinne eines Opfers. Sie haben das Gefühl, man sollte eben deshalb geben, weil es so schwerfällt; das Geben wird erst dadurch, dass sie bereit sind, ein Opfer zu bringen, für sie zur Tugend. Für sie bedeutet das Gebot „Geben ist seliger denn Nehmen“, dass es besser sei, Entbehrungen zu erleiden als Freude zu erfahren.

 

            Für den produktiven Charakter hat das Geben eine ganz andere Bedeutung. Für ihn ist Geben höchster Ausdruck seines Vermögens. Gerade im Akt des Schenkens erlebe ich meine Stärke, meinen Reichtum, meine Macht. Dieses Erlebnis meiner gesteigerten Vitalität und Potenz erfüllt mich mit Freude. Ich erlebe mich selbst als überströmend, hergebend, lebendig und voll Freude. (Vgl. die Begriffsbestimmung von Freude als „Übergang des Menschen von geringerer zu größerer Vollkommenheit“ Bei Spinoza (Spinoza, 1966, Ethik, Teil III, Begriffsbestimmungen der Affekte.) Geben bereitet mehr Freude als Empfangen nicht deshalb, weil es ein Opfer ist, sondern weil im Akt des Schenkens die eigene Lebendigkeit zum Ausdruck kommt."

                                                       Quelle: Erich Fromm: "Die Kunst des Liebens"